LIEBE DEINE NEUROSEN WIE DICH SELBST! Herbert Feuerstein ist der Erfinder von "Schmidteinander", Kultsendung der dritten Programme und ab 15. Januar bundesweit im Ersten zu sehen. BRIGITTE-Redakteurin lldiko von Kürthy traf ihn zum Interview. Es stellte sich schnell heraus: Wenn Feuerstein erst mal redet, sind weitere Fragen überflüssig. BRIGITTE: Herr Feuerstein, sagen Sie mal... FEUERSTEIN: ... ich habe Ihnen eigentlich nichts zu sagen. Ganz ehrlich, ich fühle mich wahnsinnig unwohl in dieser Geschichte. Alles in mir sträubt sich dagegen. Ihnen etwas über mich zu erzählen. Das mag daran liegen, daß ich vor mir selbst nicht so ganz bestehe, oder es ist einfach dieses Sichentblößen, womit ich Schwierigkeiten habe. Das ist, als würde man sich die Haut abziehen. Ach, schauen Sie mal, gerade grüßen vom Nebentisch ein paar Leute herüber. Ich bin doch immer wieder überrascht, wie viele Menschen mich erkennen. Berühmt zu sein ist gewöhnungsbedürftig - besonders für einen, der aussieht wie ein Steuerprüfer beim Betriebsausflug: 56 Jahre alt, bekleidet mit einer Hornbrille, einer Flanellhose, einer hellbraunen Lederjacke und einer Krawatte, die ich nur Ihnen zuliebe trage. Geboren bin ich übrigens, falls Sie das interessiert, in Österreich. In Salzburg versuchte ich aufzuwachsen, wurde aber nur 1,65 - in Asien die Norm, in Deutschland die Quelle ewiger Heiterkeit. Bitte, kein Mitleid! Warum will mir keiner glauben, daß meine Größe kein Problem für mich ist? Ich bin ja nicht so klein, daß ich den Lichtschalter nicht erreiche. Und außerdem wirkt in der Proportion auch der Penis viel größer. Das hilft. Sie finden das nicht witzig? Auch egal. Ich mag Witze, die nicht ankommen - das ist sozusagen meine Spezialität. Mein Aussehen jedenfalls bringt mir sämtliche Vor- und Nachteile eines chronisch Unterschätzten ein. Auch beim Westdeutschen Rundfunk waren sie nicht besonders glücklich, als ich mich auf Um- und Schleichwegen vor die Kamera gemogelt habe. Ich hatte schon früh die Idee, im deutschen Fernsehen eine Sendung zu machen, die den amerikanischen Late-Night-Live-Shows ähnlich ist. Als ich im Umfeld der Ratesendung "Pssst... " Harald Schmidt kennenlernte, wußte ich sofort: Der ist der einzige, der so was machen kann. Sie kennen doch Harald Schmidt? Natürlich kennen Sie ihn, den langen Kerl mit den vielen Pickeln, den funkelnden Stern am Entertainment-Himmel. Wir haben beschlossen, zusammen für den WDR eine Show zu machen - "Schmidteinander" -, die zur Kultsendung der dritten Programme geworden ist. Haben Sie das gerade gesehen? Da haben zwei Mädchen durchs Fenster zu mir hereingewinkt. Schon gut - kommen wir wieder zurück zum eigentlichen Thema. Wir testen in "Schmidteinander" aus, wie weit wir gehen können. Wir parodieren Hitler und die Sesamstraße, wir machen uns lustig über Ausdruckstanz und Sterbehilfe, über Pickel und Exhibitionisten, über das Fernsehen und natürlich über uns selbst. Das ist die Deklaration der Lächerlichkeit. Ich finde, es gibt nichts Lächerlicheres als mich selber. Das ist der Ausgangspunkt - aber dann kommt gleich die ganze Welt dazu. Nichts ist ernst zu nehmen, und auch ein Ausländer hat ein Recht darauf, verarscht zu werden. Das ist Gleichberechtigung. Oh ja, natürlich, ich ahne, was Sie sagen wollen: Das ist respektlos! Es gibt Dinge, über die lacht man nicht. Aber: Niemand muß sich über uns entrüsten, weil es doch so unendlich viele andere Möglichkeiten gibt. Schalten Sie um, und schauen Sie sich ganz einfach ein anderes Programm an. "Schmidteinander" hat nicht den Anspruch, durch die Satire die Moral zu lehren - was ja ansonsten eine sehr deutsche Angelegenheit ist. Ich glaube nicht an Lösungen - dafür gibt es einfach zu viele Wahrheiten. Was ich den Leuten nahelege, ist: Sucht euch eure Lösungen selber. Von mir erfahrt ihr nur: Ich bin blöd, ihr seid blöd, es ist blöd. Wir haben ein blitzgescheites Publikum, das, wie wir, auch über sich selbst lachen kann. "Schmidteinander" läuft seit drei Jahren in fast allen dritten Programmen und ist mittlerweile derart erfolgreich, daß es jetzt im Ersten Deutschen Fernsehen gesendet wird. Am 15. Januar, gleich nach dem "Wort zum Sonntag", kann dann jeder live meine enorme sexuelle Ausstrahlung erleben, die "Schmidteinander" doch sehr prägt und der sich kaum jemand entziehen kann. Ach nein, ich will ehrlich sein. Im Vergleich zu Schmidt bin ich absolut der Unterlegene. Vor der Kamera komme ich meiner tragenden Rolle als Opfer nach, lache artig über Witze, die auf meine Kosten gehen, lasse mich von Schmidt herumkommandieren und maßregeln: "Feuerstein, ich mag nicht, wenn du so redest." - "Feuerstein, frag mich mal, wie mein Urlaub war." - "Feuerstein, bring unserem Gast was zu trinken." Wie ich das manchmal hasse. Ich bin zwar der Gescheitere, aber Schmidt ist der Stärkere. Wie bei der Hack- und Beißordnung von Rudelhunden: Irgend jemand liefert sich dem Alpha-Hund, nach dem die Sendung benannt ist, aus und streckt ihm die Kehle hin. Aber im Grunde bin ich mit dieser Rollenverteilung zufrieden. Das Publikum ist auf meiner Seite - denn man identifiziert sich ja immer gern mit dem Underdog. Und ich sonne mich gern im Schatten von Schmidt. Ich bin der Macher hinter der Kamera und der Masochist davor. Die Frauen lieben mich dafür - nun, das muß ich Ihnen ja wohl nicht sagen. Ich bin dankbar für diesen Platz im Entertainment-Feld. Sie blicken so skeptisch. Zuviel Bescheidenheit? Ich gebe zu, es klingt unglaubwürdig für einen, der schon als zwölfjähriger Bub einen Aufsatz zum Thema "Wie ich wohne" mit dem Satz begonnen hat: "Unser Haus in Salzburg befindet sich in der Nußdorferstraße 30, die später einmal Herbert-Feuerstein-Straße heißen wird." Stetig schwankend zwischen Größenwahn und Selbstzweifeln, bin ich in der deutschen Fernsehunterhaltung genau da gelandet, wo ich wegen meines zwiespältigen Charakters auch hingehöre: In der zweiten Reihe - aber dennoch unentbehrlich. Mein Erfolg ist mir ehrlich gesagt eher unheimlich, weil ich nicht so recht glaube, daß er mir wirklich zusteht. Ich rechne mit dem Schlechtesten und will das Gute nicht so recht wahrhaben. Das ist der österreichische Katholik in mir, der immer noch an den rachlüsternen Gott glaubt, der schaut, ob es dem Feuerstein auch nicht zu gut geht. Und wenn doch, dann schickt er ein Gewitter. Das Gewitter ist zwar ausgeblieben - aber ich rechne noch immer damit. Werde wohl noch fürchten, daß es mir in den Sarg reinregnet, wenn ich dereinst zu Grabe getragen werde. Ich bin kein zufriedener Mensch. Ich bin auch kein sozialer Mensch im Sinne von gesellschaftlich. Ein einziges Mal habe ich bei mir zu Hause eine Fete gemacht und mich dabei ertappt, daß ich die ganze Zeit an der Tür stand und wartete, daß die Leute wieder gingen. Dieses soziale Lärmen ist mir ein Horror. Wie eine Gruppe von Tieren: machen Geräusche, bloß um sich gegenseitig zu vermitteln, daß sie nicht allein sind. Dem will ich entkommen, dazu bin ich irgendwie zu gestört. Für mich sind Beziehungen dann akzeptabel, wenn sie eine gewisse Distanz wahren. Jede Begegnung wird zum Fest - und dazwischen liegt das eigene Leben. Ich habe eine wahnsinnige Angst vor Abhängigkeit. Ich suche keine Geborgenheit und kann sie auch nicht geben. Das würde ich als Bedrohung empfinden. Sie als psychologisch interessierte Frau werden diese Neurosen sicher auf die gestörte Beziehung zu meiner Mutter zurückführen. Vielleicht zu Recht. Meine Mutter war die Pest, Mutter Courage, die Königin und der Todesengel in einer Person. Sie hat überzeugend die Menschheit terrorisiert, und mich besonders, weil ich mich nicht wehren konnte. Und als ich mich wehren konnte, bin ich geflohen. Eigentlich hätte ich wohl schwul werden müssen. Wäre ich auch geworden, wenn ich nicht in mir die Aufgabe gespürt hätte, mich an den Frauen rächen zu müssen. Ob es mir gelungen ist? Nehmen Sie doch bitte nicht alles so ernst. Ich war zweimal verheiratet, wurde dreimal geschieden. Na also. Sie lachen ja, wollte nur mal testen, ob Sie auch richtig zuhören. Ich habe eine 22jährige Tochter. Mehr will ich darüber nicht sagen, das geht Sie wirklich nichts an. Ich bin wohl heute das, was man ledig nennt. Jedoch, es vermischt sich bei mir die Altersgeilheit mit einer gewissen Hemmungslosigkeit. Ich habe vorgegriffen - wir waren ja noch bei meiner Flucht von zu Hause; Neun Jahre, von 1961 bis 1969, habe ich in New York gelebt und dort als Journalist gearbeitet. Ich brauchte diese radikale Trennung von meinem Elternhaus. Als ich zurückkam, war ich 20 Jahre Chefredakteur des Nonsens-Blattes MAD, hatte 1986 in der ARD die Sendung "Wild am Sonntag", geriet 1990 ins Rateteam von "Pssst..." und begegnete Harald Schmidt. Sie sehen, es ist also noch was Vernünftiges aus mir geworden. Sind Sie selber Mutter? Wenn Sie aus Ihrem Kind was machen wollen, dann rate ich Ihnen: Quälen Sie es, nehmen Sie ihm das Selbstbewußtsein, verachten und demütigen Sie es. Dann wird einmal ein Nobelpreisträger daraus - Ja, richtig, das war jetzt ironisch gemeint, aber irgendwie auch nicht. Es ist ja so: Menschen wie ich, die mit Gefühlen Probleme haben, benutzen das Lachen, um Dinge nicht an sich heranzulassen. Das totale Bekenntnis zur Lächerlichkeit ist für mich eine Sache des Überlebens. Bis zu meinem 30. Lebensjahr habe ich entsetzlich unter meinen Macken und Neurosen gelitten. Dann habe ich langsam erkannt, daß meine Schwächen zugleich auch meine Stärken sind und daß ich sie in Kreativität umsetzen kann. Liebe deine Neurosen wie dich selbst - und nimm dich selbst nicht zu ernst. Das ist meine Lebensphilosophie, ohne die ich es sehr schwer haben würde. Und in Harald Schmidt habe ich einen Partner gefunden, der ähnlich denkt. Ob ich ihn mag? Ich hätte das gern mit Ja beantwortet, aber es ist sehr schwierig. Es gibt ja Leute, die glauben, wir würden in Etagenbetten schlafen - aber eine private Freundschaft haben wir nicht. Dazu sind wir uns in bestimmten Dingen zu ähnlich und auch beide zu gestört. Wir würden aneinander verbrennen, ich das Glühwürmchen, Schmidt die Rakete. Das lassen wir beide nicht zu. Wir sind ein seltsames Paar, aber wir ergänzen uns vortrefflich. Wir machen alles schlecht - und das machen wir verdammt gut. Ich habe wirklich Schwierigkeiten mit diesem merkwürdigen Interview. Ich bin etwas aus dem Konzept geraten und habe unachtsam viel mehr über mich erzählt, als ich eigentlich wollte. Ich bin es einfach nicht gewohnt, daß mich jemand ernst nimmt. Wissen Sie, es ist ja nicht so, als würde ich die Augen verschließen vor dem Elend der Welt. Das Lachen ist nur der Versuch, den Ernst zu ertragen. Eigentlich mag ich das hinterher gar nicht lesen, wenn ich so was gesagt habe. Wir werden hier nachher aufräumen müssen. Meine Worte wiegen so schwer und liegen wie Steine und Gerümpel herum. Nun, meine Liebe, wir haben es hinter uns. Der Ober bringt die Rechnung. Zeit zu gehen. Ich bin sicher, dieses Gespräch wird Ihr Leben entscheidend verändern. Meines allerdings nicht. (C) by BRIGITTE vom Januar 1994 - Alle Rechte vorbehalten |