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SCHMIDTS
»AFTER« SHOW-PARTY
HERBERT
FEUERSTEIN, Grimme-Preis-gekrönter
Kopf der 1995 verblichenen "Schmidteinander
"-Show und ehemaliger "Mad"-Chefredakteur,
läßt seinen Ex-Kollegen HARALD
SCHMIDT in die An(n)alen eingeben
Oft wird behauptet, Harald Schmidt sei ein
riesiges Arschloch. Das stimmt nicht. Er
ist ein normalgroßes Arschloch. Ich
habe ihn nackt gesehen. Das ist zwar sechs
Jahre her, aber Arschlöcher wachsen
nicht, sie dehnen sich höchstens.
Es war ziemlich am Anfang von Schmidteinander,
ein Sketch namens Alle Vöglein
sind schon da. Die Szene: Wir sitzen
auf einer Gartenbank und lesen - Schmidt
eine Sexpostille, ich eine arabische
Zeitung, dem damals noch offen zugegebenen
Bildungsunterschied entsprechend. Zum
Kinderchor Alle Vögel sind schon
da werden wir mit Vogelscheiße überschüttet,
erst tropfen-, dann eimerweise - von
Special-Effects-Mann Wolfgang Jäger,
der von einem Gerüst aus zehn Kübel
gefärbte Sauermilch mit einer rühnen
Gipsbrocken über uns auskippte. Das
war alles. Wortlos, unbeteiligt hatten wir
dazusitzen. Der Sketch ist heute noch mein
absoluter Favorit, weil er das Fernsehen
schlechthin widerspiegelt: erst kübelweise
Scheiße und dann Kohle dafür.
Danach wies man uns eine
Gemeinschaftsdusche zu, nach einem langen,
entwürdigenden Fußweg in
tropfenden Sauermilch-Klamotten durch das
WDR-Gelände von Bocklemünd.
Ich bin ein scheuer Mensch, unsportlich
noch dazu, ich hasse den Geruch von
Umkleidekabinen und gemeinsames Duschen
min Männern. Trotzdem bin ich für
dieses Erlebnis dankbar. Denn in der engen
Dusche sah ich zwangsläufig, worüber
sonst nur spekuliert wird. Nämlich,
daß Schmidt kein riesiges Arschloch
ist, sondern ein normalgroßes.
Das klingt jetzt nach Wertung,
satirischer Metapher, nach dem Versuch,
ein Zitat für Bild in die Welt zu
setzen (Feuerstein: Schmidt, das
Arschloch). Ist es aber nicht. Es ist
allein eine anatomische Feststellung. Denn
für das Arschloch gilt dasselbe wie für
den ganzen Menschen: Entscheidend ist
nicht seine Größe, sondern was
dabei herauskommt.
Ich lernte Harald Schmidt 1990 bei der
Gameshow Pssst... kennen er war
der Moderator, ich saß im Rateteam.
Zufällig hörte ich, daß er
einen Sendeplatz im Dritten des WDR
kriegen sollte, aber noch kein Konzept dafür
hatte. Ich hatte zwar auch keins, beschloß
aber, mich reinzumogeln.
Schmidt war damals mit seinem
Kabarettprogramm unterwegs, ich besuchte
eine Vorstellung in Oberroden (bei
Frankfurt) und war fasziniert: In einem
Saal für 500 Leute saßen gerade
mal 50, aber Schmidt tat, als wäre es
das Olympiastadion. Souverän und
gnadenlos angelte er sich das Publikum,
und auf der folgenden Autofahrt, als ich
ihn zum Bahnhof Aschaffenburg fuhr,
angelte ich ihn mit dreifacher Taktik: Ich
protzte mit meinen zehn Jahren in New York
(Welterfahrung), legte eine
Kassette mit Bachs Orgeltoccata in d-Moll
ein (Bildungsbrüder) und bat
ihn dann, mir einen Brief vorzulesen, den
ich in seinem Namen verfaßt hatte
(Witzbold) Er begann: "Lieber
Feuerstein, ich möchte mit Dir
zusammen eine Sendung machen..."
Das gefiel ihm, und so geschah es auch.
Heute würde so was nicht mehr
funktionieren. Schmidt kennt die Macht,
kennt jede Taktik, die zu ihr fuhrt, und
kann blendend damit umgehen. Er braucht
keine Helfer mehr, Weggenossen sind ihm lästig.
Zwar behauptet er, nur im Dienst ein ganz,
ganz Schlimmer zu sein, privat aber ein
einfacher, harmloser Kumpel, aber dazu würde
er andere Kumpel brauchen, und die hat er
nicht- Privat ist er ein ganz, ganz
Einsamer. Da könnte ich jetzt wieder
die Parallele zum Arschloch ziehen, das ja
ebenfalls Einsamkeit und verschlossene Türen
braucht, uns zu funktionieren, aber das
ist ein dummer Vergleich, der noch dazu
stinkt.
"Aus einer Mördergrube soll
man kein Herz machen", könnte
Schmidts Leitspruch sein. Aber ist er tatsächlich
Totalzyniker, 24 Stunden lang, oder kann
er auch weich sein, sentimental? Ich denke
schon. Doch scheint sein Körper dann
spezielle Antikörper zu bilden,
Sophophagen, also seelische Freßzellen,
die nicht nur jede Weichheit härten,
sondern zusätzliche Abstoßreaktionen
gegenüber Mitmenschen hervorrufen,
wie Akne oder Migräne.
Obwohl: Ich saß mit ihm mal vor dem
Fernseher, als gerade Frank Sinatra
gezeigt wurde. Ich sah einen alten Mann,
der hilflos über die Bühne
torkelte und Songtexte vom Monitor
abzulesen versuchte, aber ich durfte kein
Wort sagen, um seine Anbetung nicht zu stören.
"Großartig",
seufzte er mit verdrehten Augen. Hm. Wenn
ich hilflos über die Bühne
torkelte, sagte er das nie. Sondern
zischte sein schlimmstes Schimpfwort: Laie!
Hat Schmidt Fehler? Ich meine
professionelle Fehler, die Erfolg und
Karriere behindern. Ja, er hat! Sogar
einen ganz großen Fehler... Früher
zumindest. Er dachte allen Ernstes, das
Große Publikum würde ihn lieben
-ohne jede Gegenliebe. Das war damals bei
Verstehen Sie Spaß? Aber das
Große Publikum versteht keinen Spaß.
Es versteht nur Dieter Hallervorden. Ich
hatte mal in einem Interview ohne viel zu
überlegen gesagt , "Was uns
verbindet, ist der Haß auf die
Menschen und die Liebe zum Publikum."
Schmidt hat diesen Satz aufgegriffen und
oft zitiert, fairerweise mit
Quellenangabe. Erst hinterher wurde mir
klar, wie zutreffend diese Definition ist.
Und wenn ich zusammenfasse, dann ärgert
mich an Schmidt vor allem eins: Daß
ich ihn viel mehr gebraucht labe als er
mich. Das Arschloch. (C)
1997 by Playboy , Redaktion: Brigitte
Steinmetz
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