 
Ein
Fest für die Sinne
VON
CURT J. DIEDERICHS
26. Mai 2003
KÖLN.
Wann hat es das zuletzt in der Kölner
Oper gegeben: Szenenapplaus für ein Bühnenbild?
Bei der Premiere der "Fledermaus"
rauschte spontaner Beifall, als sich der
rote Vorhang zum Fest beim Prinzen
Orlowsky öffnete. Helmuth Lohner und
sein Ausstatter Rolf Langenfass präsentierten
keinen verstaubten Prunk und Protz,
sondern poppig-neureiches Salonambiente
der Wiener Belle Epoque. Das gehörte
zu Lohners Konzept, denn auch im ersten
und dritten Akt beließ er, ironisch
leicht verfremdet, das realistische
Szenario der Entstehungszeit. In den Augen
mancher mag das eine Sünde wider den
heiligen Geist modernen Regietheaters
sein, dem Premierenpublikum aber gefiel
es. Lohner wollte die Geschichte locker
und mit lässigem Charme erzählen,
nur die Protagonisten machten da zumindest
im ersten Akt nicht ganz mit. Ihr Gehabe
wirkte reichlich hölzern und
aufgesetzt. Beim Fest löste sich dann
die Verkrampfung auch dank Tanzmeister
Athol Farmer in eine bei aller Turbulenz
schlüssige Choreografie.
Die diesmal nicht knarrende Bühnentechnik
sorgte durch Öffnungen in die Tiefe für
räumliche Entfaltungsmöglichkeiten.
Hier spielte dann jeder seine Rolle in Dr.
Falkes Intrigenspiel - bis die Marquis'
und Chevaliers samt dem hochstapelnden
Damenflor in der schäbigen Gefängnisszenerie
wieder auf den Boden der Tatsachen fielen.
Alles hübsch arrangiert, eben
Belustigung auf hohem Operettenniveau.
Manches Charakterbild hätte
allerdings etwas prägnanter
gezeichnet sein können. Aber das ist
ja die Malaise bei heutigen Operettenaufführungen.
Da braucht es Singschauspieler, die der
Partitur von Johann Strauß gewachsen
sind, aber auch sprechen und tanzen können,
die in einer "lustigen" Rolle
aufgehen, ohne zu überdrehen. Hier
hatte man zwar ein ansehnliches Ensemble
aufgeboten, aber eben doch keine
Glanzbesetzung. Die Palme gebührt
wohl Claudia Rohrbach als Adele. Ihr nimmt
man das kesse Hausmädchen ab, das die
Schauspielerin mimt, und sie besitzt das
Timbre und die nötige Koloraturengeläufigkeit.
Um einen Grad zu dramatisch (und
affektiert) nahm Noëmi Nadelmann mit
ihrem voluminösen, gepflegten Sopran
die Rosalinde. Ute Döring bemühte
sich, dem gelangweilten Luxusprotz
Orlowsky stimmlich und mimisch Profil zu
geben - mit mäßigem Erfolg.
Wenn der Eisenstein mit einem Bariton
besetzt wird, darf der aber nicht die
Tenorfarbe durch Forcieren in der Höhe
einbringen, wie es Thomas Mohr tat. Ulrich
Hielscher schien mit der Baritonpartie des
Frank leicht überfordert. Andrew
Collis hingegen wusste den Gefängnisdirektor
Falke gut über die Rampe zu bringen,
ebenso Martin Finke den stotternden Dr.
Blind. Für den Alfred indes hätte
man sich einen lyrischeren Tenor gewünscht
als Marko Kathol.
Last not least der Frosch: eine
Paraderolle für Herbert Feuerstein,
der sie mit treffsicheren lokalen
Anspielungen würzte. Mit Friedrich
Haider stand ein Walzer-gewiefter Kenner
am Punkt des gut aufgelegten Gürzenich-Orchesters.
Aus dem Graben wurde Charme versprüht,
wenn auch nicht immer mit höchster Präzision.
Ein Kompliment auch dem Opernchor und der
Statisterie: Sie fügten sich gut in
Lohners und Haiders Konzept. Das
vollbesetzte Haus war hingerissen.
3¼ Stunden mit Pause, Aufführungen:
heute und 31. Mai; 5. u. 7. Juni, jeweils
19.30 Uhr. (C)
Kölnische Rundschau, 26.5.2003 - Alle
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