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NEON-MagazinNa, wie war ich?

»In der Wohnung hat es gewimmelt von Kakerlaken«
September 2004


Doch, doch: Herbert Feuerstein war auch mal jung - bloß denkt er nicht gerne daran zurück. Der 67-jährige Entertainer und Schriftsteller über seine missglückte Komponistenkarriere und den schwierigen Neuanfang in New York.

Feuerstein und Pearl
Herbert Feuersteins Hochzeitsfoto: mit 23 und seiner Perle, Pearl-Mieko.
Nehmen Sie's mir nicht übel - aber man kann sich kaum vorstellen, dass Sie am Salzburger Mozarteum studiert haben und Komponist werden wollten!
Ich habe mich damals tatsächlich für den größten Musiker aller Zeiten gehalten. Als Salzburger bin ich ja auch quasi über sechs Generationen mit Mozart verwandt. Und ich sah eindrucksvoll aus im Künstlerfrack, mit fettbeschmiertem Haar ...
Stimmt es, dass Sie die Mädels grundsätzlich beim ersten Date mit Ihrem Klavier beeindrucken wollten?
Stimmt. Ich hatte einen Flügel bekommen, der fast so groß wie mein Zimmer war. Halb darunter geschoben passte gerade noch ein Sofa. Auf das hab ich potenzielle Opfer bugsiert. Während ich dann gespielt habe, habe ich mich selbstgefällig im großen Wandspiegel betrachtet und gedacht, die Mädchen würden wahnsinnig vor Liebe.
Und, hat's funktioniert?
Nein, die hatten höchstens ab und zu Mitleid.
Aus der Musikerkarriere ist nichts geworden: Nach zwei Jahren Studium haben Sie das Mozarteum verlassen.
Ich hatte damals angefangen, Musikkritiken für eine Linzer Zeitung zu schreiben - und war extrem bösartig. Einmal haben mich die Mitglieder eines Streichertrios öffentlich geohrfeigt, weil ich etwas sehr Bissiges über sie geschrieben hatte. Als ich zum Mozarteum-Präsidenten gestürmt bin, um mich zu beschweren, lag da ein weiterer Artikel auf seinem Schreibtisch: In dem hatte ich mich gemein über eine seiner Opern ausgelassen. Er hat mir also nahe gelegt, in gegenseitigem Einvernehmen die Hochschule zu verlassen.
Hatten Sie von Salzburg danach die Nase voll?
Ich wollte weg von zu Hause. 1960, mit 23 Jahren, bin ich nach New York gezogen, mit einem von meinem Vater finanzierten OneWay-Ticket. Auslöser war meine Freundin, eine aus Hawaii stammende Austauschstudentin. New York lag für uns genau in der Mitte zwischen beiden Schwiegereltern.
Hört sich nach großer Liebe an ...
Wir haben auch gleich geheiratet. Das war gar nicht so einfach, denn meine Freundin war erst 19 Jahre alt und damit minderjährig. Für eine standesamtliche Hochzeit hätten wir Elternerlaubnis und allerlei bürokratischen Schnickschnack gebraucht - kirchlich nicht. Bloß waren wir kein bisschen religiös. Aber das Schöne an Amerika ist, dass sich auch dafür eine passende Kirche fand, die »Unitarian Church«. Ein netter Reverend hat uns gefragt, was wir glauben, und wir sagten: nichts. Und er hat geantwortet: Toll, Sie beschäftigen sich also mit diesen Fragen, das ist ja schon was! Wir mussten zehn Dollar zahlen und haben geheiratet.
Und durch die Hochzeit mit einer Amerikanerin hatten Sie eine Greencard und durften arbeiten.
Klar, die Existenzängste haben uns zur Eile angetrieben. Es ging uns anfangs unglaublich schlecht. Wir haben in einer miesen Ecke gewohnt, in der 112. Straße. Das einzige Zimmer war winzig, das Bad haben wir zum Duschen und Geschirrspülen mit Nachbarn geteilt. Und in der Wohnung hat es gewimmelt von Kakerlaken.
Viele Menschen schwärmen von der Unbeschwertheit Mitte 20. Würden Sie das gerne nochmals erleben?
Nein, überhaupt nicht. Uns ging's zwar bald materiell besser, ich konnte für deutschsprachige Zeitungen arbeiten - aber gerade dann kamen die Schrecken der Armut wieder hoch. Ich hatte Angst vor allem, vor Gebäuden, vor Brücken, vor der U-Bahn. Die Psyche rebelliert mit Verspätung. Mein Leben habe ich eigentlich erst mit 30 in den Griff bekommen, und danach ist es graduell immer bergauf gegangen. Also, Leute, wenn's euch jetzt dreckig geht - vielleicht habt ihr Glück, und später wird alles besser. Eine Garantie gibt's dafür allerdings nicht.

INTERVIEW: DELA KIENLE

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