 
Ach wie gut,
dass niemand weiß...
... dass er das Drehbuch
zur ProSieben Märchenstunde" überhaupt nicht
gelesen hat. Trotzdem erweist sich HERBERT FEUERSTEIN in der aufwändig
produzierten Parodien-Reihe als würdiger Interpret des
Rumpelstilzchens
Donnerstag, 6. April
2006
von MICHAEL SCHOLTEN
Gerade hat ihm der Maskenbildner einen Satz Ohren geschenkt. Die
falschen Lauscher sind aus Gips und wurden als Grundlage für die
spitzen Silikondinger genutzt, die Herbert Feuerstein in der Rolle des
Rumpelstilzchens tragen muss. Ich sammel ja solche Attrappen, weil
man in meinem fortgeschrittenen Alter irgendwann mal Ersatzteile
brauchen kann", freut sich der bald 69-Jährige, verlässt
seinen Wohnwagen und spaziert rüber in den Märchenwald.
Tschechische Bühnenbauer haben die Kulisse mitten in eine Prager
Industriehalle hineingezaubert. Hier darf sich Herbert Feuerstein als
Grimm'scher Giftzwerg für "Die Pro Sieben Märchenstunde"
austoben. Er trägt es mit Würde und tut es für Geld. Denn
wer den 1,65 Meter kleinen Brillenträger nur als früheren Blödelpartner
von Harald Schmidt auf dem Schirm hat, übersieht, dass der 1937 in Österreich
geborene Schöngeist eigentlich zu intellektuell Höherem
berufen ist: Nach der Ausbildung am Salzburger Mozarteum arbeitete er
neun Jahre als Journalist in New York, bevor er in Deutschland
Chefredakteur des Satiremagazins "MAD" wurde.
Inzwischen unternimmt Feuerstein nur noch wenige Ausflüge ins
Fernsehen, dafür aber viele Fernreisen, die er in drei äußerst
lesenswerten Reisebüchern verewigt hat. Auch das Mozart-Jahr 2006 hält
ihn auf Trab: Feuerstein hat "Die Tagebücher des W. A. Mozart"
als Hörbuch eingelesen und führt in vielen Städten durch
Jubiläumskonzerte.
Wie war Ihre erste Begegnung mit den Märchen der Brüder
Grimm?
Kraft meines Alters komme ich aus einer fernsehlosen Zeit. Ich habe die
Märchen gelesen, oder sie wurden mir vorgelesen. Als Kind, so wurde
mir später erzählt, lief ich im Wiener Zoo zum Wolfsgehege und
schrie: "Das ist der Wolf, der das Rotkäppchen gefressen hat?"
Ich muss also sehr überzeugt gewesen sein von der Wahrhaftigkeit
der Märchen.
Darf man Klassiker, die 2005 sogar ins Weltdokumentenerbe der UNESCO
aufgenommen wurden, parodieren?
Man muss sogar. Märchen sind keine erstarrte Masse, sondern
lebendig. Außerdem gibt es nichts auf der Welt, für mich
schon gar nicht, das man nicht parodieren kann. Und drittens habe ich
keine Ahnung, ob das Experiment gelingt. Ich denke schon, weil ich hier
von vielen Leuten umgeben bin, die ihr Bestes geben. Aber ich will
ehrlich sein: Ich habe das Drehbuch nicht gelesen.
Nicht mal Ihren eigenen Text?
Den kannte ich schon: "Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen
hol ich der Königin ihr Kind. Ach wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!" Ansonsten nur so Sachen wie "Ja"
und "Hah" und "Uuuh". Der Rest ist Kunstgeschichte.
Dann haben Sie also blind zugesagt?
Meine Agentin entscheidet, ob ich darf oder nicht. Die zweite Instanz
ist meine Frau. Die schreibt mit roter Tinte NEIN aufs Drehbuch, noch
bevor ich es zum ersten Mal sehe. Dann darf ich sowieso nicht - und
mache es auch nicht.
Freuen Sie sich eher über ernste Rollen wie im ZDF-Film "Die
Nachrichten"?
Jetzt haben Sie mich ein bisschen beleidigt, weil sie damit andeuten,
dass man bei seriösen Rollen vielleicht gar nicht an mich denken könnte.
Aber Sie haben Recht: Das Angebot hat mich sehr geehrt. Ich war
affenstolz und habe mich tierisch vorbereitet. Ich konnte meinen Text
wie überhaupt noch nie im Leben.
Hatten Sie Lampenfieber?
Ich war aufgeregt, weil mir die Rolle viel mehr abverlangt hat als
andere Projekte. Ich bin ja kein Schauspieler. Bei fast allem, was ich
mache, hängt immer der Feuerstein durch. Wenn ich in der Operette "Die
Fledermaus" mitspiele, erwartet jeder, dass ich eine persönliche
Note reinbringe. Oder hier, als Rumpelstilzchen, trage ich meine Brille.
Das ist ein Stilbruch, aber den gönnt man mir. Ich spiele nahezu
immer mich selbst.
Sie haben kein Schauspieltalent?
Nein. Ich bin auch kein Fernsehmensch, sondern Schreiber. Das habe ich
die ersten dreißig Jahre gemacht, kam dann als Quereinsteiger zum
Fernsehen und schreibe jetzt wieder Bücher, mache Lesungen und
Musikpräsentationen. Das Fernsehen war und ist nur ein
interessanter Rentnerspaß.
Ist denn der Rentnerspaß wenigstens lukrativ?
Klar. Dass ich Geld dafür bekomme, einfach nur ich selbst zu sein,
ist vollkommen verrückt. lm Grunde gehöre ich dafür
bestraft.
Warum bestraft Sie niemand?
Ohne meine Steuern würde es dem Staat schlechter gehen. Ich bin vor
vielen Jahren extra deutscher Staatsbürger geworden, um im Land mit
den höchsten Steuersätzen meine Abgaben leisten zu dürfen.
Viele positive Elemente der Bundesrepublik sind auf mich zurückzuführen.
Die Entwicklungshilfe im Osten oder auch der neue Dienstwagen des
Finanzministers.
Hat Ihre Synchronarbeit des Disney-Films "Die Unglaublichen"
viel Geld und somit viele Steuern eingebracht?
Die zahlen ungewöhnlich viel Kohle für wenig Arbeit. Ein
interessanter Job.
Der fiese Mister Huph, den Sie synchronisiert haben, sieht aus wie
Sie.
Da habe ich mich richtig erschrocken. Die Disney-Leute sind ja sehr
streng und haben mich vorher nichts sehen lassen. Ich gehe also
ahnungslos ins Studio und sehe plötzlich: mich! Als ob einer mein
Foto in Hollywood gefunden und nach diesem Vorbild eine Figur geschaffen
hätte. Das war eine sehr witzige Erfahrung. Obwohl mir das immer
noch peinlich ist, dass ich jetzt in dem Film mein wahres Ich gesehen
habe: Ich bin ein mieser, kleiner Wadenbeißer.
Sie sind zwei Monate im Jahr in fremden Ländern unterwegs und
haben drei Reisebücher veröffentlicht. Aufgrund ihres
fortgeschrittenen Alters...
Vorsicht! Sowas darf nur ich sagen.
... dürfen Sie oft bei Dorfältesten sitzen. Welche Rolle
spielen Mythen und Märchen in fremden Kulturkreisen?
Wenn Sie nach Asien reisen, verweben sich oft Mythologie und Märchen
ineinander. Dort gibt es eine sehr intensive Märchenkultur. Ich
hoffe, Sie erwarten jetzt nicht, dass ich Ihnen eins erzähle.
Nein.
Da bin ich froh. Sonst würde ich eins erfinden und behaupten, das
sei altes laotisches Kulturgut. Auch afrikanische Völker oder die
Indianer haben reiche Märchenkulturen. Die sind oft eng mit
Halluzinationen und Illusionen verbunden. Darf ich wissenschaftlich
werden?
Sehr gern.
Früher wurde Getreide geerntet, ohne dass man das Mutterkorn
herausfiltern konnte. Ein starkes Gift, das zu Halluzinationen führt.
Auch deutsche Märchen, in denen sich Menschen verwandeln, könnten
von solchen Lebensmittelvergiftungen inspiriert sein. Hinzu kommt, dass
viele Märchen grausam bis zum Gehtnichtmehr sind. Aber nicht, um
die Leser zu erschrecken, sondern nur, weil die Lebensumstände
damals so hart waren. Was heute grausam erscheint, spiegelt nur die
damalige Realität wider. ©
Stern, 6.4.2006 - Alle Rechte vorbehalten - |